Snorri, dem Jungen aus dem ersten Teaser, fällt die Rolle zu, Hildur den Weg ins Paradies zu weisen – in den Rollenspielladen Astrópía. Somit wirkt er als Türöffner und Schlüsselmeister, als Bindeglied zwischen Hildurs „normaler“ Welt und den Nerds.
Die Kleinigkeit, von der ich am 18.Dezember schrieb, dass sie in der deutschen Synchronisation noch geändert werden sollte, war eine Szene mit Snorri. In einem sehr frühen (und bei der Erstaufnahme entsprechend früh aufgenommenen) Auftritt verlieh der Synchronsprecher dem Jungen einen Tonfall, der die Spannung zwischen ihm und Hildur nicht richtig traf. Dies ließ einen falschen ersten Eindruck von Snorris Charakter entstehen.
Vorgestern war der Tag, an dem der Take wiederholt wurde. Das habe ich als willkommenen Anlass genommen, um selbst ins Studio zu fahren und die Abnahme live vor Ort, während der Aufnahme, zu machen.
Um gleich mal eine Annahme zu zerschlagen, die wahrscheinlich in vielen Köpfen steckt: Bei einer Synchronisation sind nicht mehrere Leute im Studio, die nebeneinander und gleichzeitig die Szenen einsprechen und sich dabei ggf. gegenseitig anspielen. Da die Auftritte der Figuren in einem Film unterschiedlich lang sind, würde es zu lange Wartezeiten verursachen, selbst wenn lediglich die Hauptfiguren gleichzeitig da sind. Da ist es viel effektiver, den ganzen Film zu zerhacken und mit jedem Sprecher nur die Szenen aufzunehmen, in denen er vorkommt. Somit sieht jeder Sprecher auch nur „seine“ Szenen hintereinander weg und hat in der Regel auch gar keinen tieferen Eindruck, worum es in dem Film überhaupt geht. (Und manche Kinderrollen dürften sich ihre Filme auch gar nicht komplett anschauen, selbst wenn sie wollten. Astrópía hat ja auch die eine oder andere brachiale Fantasy-Kampfszene…)
Synchronsprecher hätten viel zu tun, wenn sie alle Stoffe vertiefen wollten. Das ist zeitlich schon gar nicht möglich, denn sie sprechen heute die einzigen vier Zeilen eines Mordopfers in einem Krimi, morgen den dritten Alien von links in einer Science Fiction-TV-Episode, übermorgen eine Nebenrolle in einem Blockbuster und die ganze nächste Woche eine ihrer Stammrollen in der kompletten Staffel einer Anwaltsserie (zum letzten Mal übrigens, weil die Rolle kurz vor Ende der Staffel in einen Fahrstuhlschacht fällt)¹.
Wegen dieser Arbeitsweise ist es überhaupt kein Unterschied zu einem normalen Termin, wenn ein Sprecher zum Wiederholen einer Aufnahme ins Studio gebeten wird – er war auch beim ersten Mal schon allein da. So auch unser „Snorri“, wenngleich er natürlich in Begleitung seiner Eltern war. Vor dem Mikro stand er jedoch allein, denn die Regie, Aufnahmeleitung und wir Besucher waren auf der anderen Seite der Glasscheibe, die den abgedunkelten, schalldichten Aufnahmeraum von der Technik trennte.

Zusätzlich zu der gewünschten Neuaufnahme habe ich sogar noch einen Bonus bekommen: Nach 10 oder 15 Variationen des Satzes „Ja, ich weiß“ klangen die Ergebnisse immer ähnlicher, ohne dabei den richtigen Ton zu treffen. Deshalb wollte der Regisseur, dass der Sprecher zwischendurch zu einer anderen Passage geht – um ihn aus dem Trott zu bringen, in den er geraten war.
Natürlich hatten wir gar nichts vorbereitet. Aber das gab mir die unverhoffte Gelegenheit, eine Szene neu aufzunehmen, die in der Erstaufnahme technisch tadellos gewesen ist, bei der mir aber die Textzeile in der gesprochenen Version nicht ganz so knackig erschien wie sie sich im Dialogbuch gelesen hatte.
Das hat den Durchbruch gebracht! Nach nur zwei Aufnahmen mit einem anderen Text war meine Bonusszene perfekt. Und mit dem frischen Zugang, freien Kopf und der Änderung von „Ja, ich weiß“ in „Ja, … klar!“ war auch die eigentliche Szene schnell „rund“.
Und das alles für einen Dialog, der rein gar keinen Nerd- oder Rollenspielbezug hatte…
¹ Na, welche Serie?